30 Tage Zentralasien. Fast.

vom 25. Juni 2009

17. Tag: Hot Springs

Geschrieben von Sascha in Kirgisistan

Da haben wir uns schon eine recht anstrengende Urlaubsform ausgesucht. Jeden Tag auf der Jagd nach dem Neuen, jeden Morgen in freudiger Erwartung auf das, was uns wohl an diesem Tag passieren wird. Und dauernd auf Achse, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, fast täglich neue Unterkünfte, neue Trips, alles spontan und ohne die Gewissheit, dass der an sich schon grobe Plan halbwegs aufgeht. Dieser Tag startete so gesehen weitestgehend suboptimal. Am Vortag konnten wir keinen konkreten Tagesplan mehr schmieden, hatten nur irgendwas im Hinterkopf. “Hot Springs” – jo, die gibt es. Und wie kommen wir hin? Zu Fuß? Denkbar, aber weit. Bus? Fährt nur bis an den Fuß des Berges. Wir sind nicht faul, wollen aber nicht einen Großteil des Tages mit dem Auf- und Abstieg verschwenden. Also Offroader, ja genau! Und? Wo bekommen wir den her? Eben. Wir setzen einfach mal einen Fuß vor die Tür, und dann passiert das Unfassbare: Nik von “Yak Tours”, einer ansässigen Touri-Gesellschaft, steht vor uns mit seinem Allrad-Bus vom Typ Uljanowski Awtomobilny Sawod (UAZ) 452. Wer hat den denn gerufen? Wir waren es nicht, aber er kam goldrichtig, war herzlich willkommen, der Preis schnell ausgehandelt und wir an Bord.

Schnell geht’s noch an der Tanke vorbei, die Karre randvoll auffüllen, die Kanister zur Reserve auch. Keine Ahnung, was unser Gefährt so schluckt, vielleicht läuft auch durch eine der unzähligen Schweißnähte Sprit raus. Aber Nik “Schumacher” fährt diese Tour schließlich nicht zum ersten Mal. Das merkt man spätestens, als es abseits der Straße in Richtung Berg geht. Der Untergrund wird anspruchsvoller, für normale PKW unpassierbar. Mit geübtem Griff flutscht die Geländeuntersetzung rein, und schon geht’s durch Schlamm, über riesige Felsbrocken und quer liegende Bäume – kurz gesagt: durch autofeindliches Gebiet. Schumi macht das mit unglaublicher Coolness und hat die ganze Zeit ein genüssliches, zeitweise schon schadenfrohes Grinsen im Gesicht. Er spricht ein paar Brocken Englisch und fragt in regelmäßigen Abständen, ob uns die Massage gefällt. Tut sie, keine Frage. Vor allem in der Kopfgegend, denn trotz guter Innenraumhöhe schlägt die Birne aller paar Sekunden von unten ins Dach ein. Ohne diese Stimulation wäre es allerdings undenkbar gewesen, jene Zeilen zu verfassen.

Ob nun Nik oder wir mehr Spaß an der Fahrt hatten, das sei dahingestellt, aber heil angekommen sind wir nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt allemal. Und das sicher bequemer und schneller als unser deutsch-österreichisches Fahrrad-Pärchen aus dem Marschrutka, das wir bergauf überholen. So frisch sehen sie nicht mehr aus, da hilft auch ein geübtes künstliches Perlweißlächeln nichts. In den Bergen erwartet uns Valentin, der Bruder von Sergej. Er spricht sehr gutes Englisch und holt uns auf einen Tee in seine urgemütliche Hütte. Nach dieser kleinen Stärkung brechen wir zu einer Wanderung auf. Seine Tochter führt uns zu den heißen Quellen, die Valentin eigenhändig ausgemauert und zu wahren Heilbädern gemacht hat. Einladend sehen sie aus, und beim vierten und letzten Exemplar können wir nicht widerstehen. Mitten im Fels lassen wir die Hüllen fallen und springen in die heiße, schwefelhaltige Brühe. Alice ist auch dabei, schaut sich das Spektakel aber dann eher passiv an. Ich frage mich ernsthaft, woher dieser konsternierte Blick in ihrem Gesicht kommt.

Schön aufgeweicht und total entspannt geht es zurück zu Valentins Haus, wo uns eine kräftige Mahlzeit erwartet. Thomas und ich beschließen, nochmal eine andere Quelle anzutesten, OW und Alice beschäftigen sich anderweitig. Mit Wandern.

Die Rückfahrt am Nachmittag bietet wenig Überraschungen, aber im Vergleich zum Hinweg nicht minder viele Beulen am Kopf. Wir beschließen, die Blessuren von innen zu kühlen und holen Bier. Am Abend sitzen wir wieder gemütlich beisammen, diesmal aufgrund des Wetters im Haus. Doreen aus Leipzig und ihr schweizer Freund Renato leisten uns Gesellschaft. Ein schlecht begonnener Tag ist doch noch gelungen und findet hier ein angenehmes Ende.

vom 24. Juni 2009

16. Tag: Zu Gast bei der Adams Family

Geschrieben von Sascha in Kirgisistan

Erholt starten wir in den Tag, genießen noch das Frühstück, welches uns bereitet wurde. Wir nehmen uns Zeit dafür und entdecken beim Blick durch das Zimmer einige Dinge “made in GDR”. Da steuern wir doch gern noch was bei und schenken unserer liebgewonnenen Übersetzerin, der Tochter der Familie, einen unserer mitgebrachten “Klettermaxen”, ein Originalprodukt der Erzgebirgischen Volkskunst.

Dann geht’s auf, wir haben den Weg nach Karakol vor uns und wissen noch nicht so richtig, wie der aussehen soll. Erstmal zur Hauptstraße watscheln und uns an der Bushaltestelle niederlassen. 10 Minuten… nichts. 20 Minuten… nichts. 30 Minuten… oh! Nein, kein fahrbarer Untersatz, aber alte Bekannte. Romy und Eddy kommen um die Ecke, diesmal in Begleitung von “Deckel” (Name ziemlich sicher falsch geschrieben) aus Israel. Zu siebent sitzen wir also dort rum und warten, alle mit demselben Ziel im Fokus. Aber ein Ende der Überraschungen war nicht in Sicht. Ab und zu kommt mal ein privater Taxifahrer vorbei und will uns für irreale Summen an den Zielort fahren. Auch nach Verhandlungen sehen die Tarife noch nicht nach unseren Vorstellungen aus. Aber dann kommt’s dick: Ein Polizist springt plötzlich hinter der Bushaltestelle hervor. In unfreundlichem Ton und ohne Vorstellung seinerselbst verlangt er unsere Papiere. Sein Problem: lässig geöffnete Jacke, knitterndes Hemd und Sonnenbrille auf dem Kopf. Das wirkt alles wenig professionell und selbst für einen Dorfhalunken ziemlich bescheuert. Deswegen nimmt ihn auch keiner ernst. Er ruft Verstärkung mit seinem Handy. Hier stellt sich die Frage nach der Logik. Wo soll die bitte herkommen? Hier gibt es weit und breit nichts und niemanden! Von Bishkek würde ein Einsatzfahrzeug auch im Eiltempo zwei Stunden brauchen. Der arme Kerl wird ignoriert und muss unverrichteterdinge wieder abziehen. Wenn Korruption so billig daherkommt, dann wird das wohl nie was mit der ergaunerten Million. Beim nächsten Anlauf einfach mal Hemd bügeln und Jacke zu, dann wird das schon!

Irgendwann erwischen unsere Freunde ein Marschrutka. Alle sieben passen da nicht rein, wir trennen uns wieder. Wenig später sind auch wir dran. Und wiedermal ein Sprinter, aber der sieht recht neu aus. Und der hat sogar eine grüne CO2-Plakette an der Windschutzscheibe! Kleine Betrachtung von der Nähe: Frontschaden. Alles klar. Im Fahrzeug treffen wir ein deutschsprachiges Pärchen, das mit dem Mountainbike unterwegs ist. Eine Kombination aus Österreich und Deutschland. Ein deutsches Pärchen also. Ein wenig Smalltalk, bei der Ankunft in Karakol noch schnell etwas Hilfe beim Montieren der Räder von uns. Dann geht’s rein in die Stadt.

Karakol ist eine der Städte, in der die Zeit förmlich stehen geblieben ist. Alte, verfallene Sowjetbauten, das typische Grau-in-Grau des Ostblocks, bisweilen wie immer etwas depressiv anmutend, aber mit ganz eigenem Charme. Wir nehmen zuerst Kurs auf ein CBT-Office (das steht für Community Based Tourism), um uns über die Möglichkeiten vor Ort zu informieren. Der junge Herr kann alles auswenig und gibt uns ca. 240 Reisetipps in 90 Sekunden, wobei da aber die genauen Wegbeschreibungen schon inbegriffen sind. Material zum Mitnehmen gibt es nicht. Wie immer suchen wir zunächst eine Unterkunft und legen unser Schicksal einmal mehr in die Hände unseres Lonely Planets. Es versteht sich von selbst, dass wir wieder in einer Horde von Backpackern landen, abermals sind Romy, Eddy und “Deckel” dabei. Zu den weiteren interessanten Bekanntschaften gehören Finnen, die mit dem Auto hergekommen sind, ein krasser radelnder Japaner im Armeezelt und eine Hand voll Deutsche, darunter Vertreter aus Dresden und Leipzig. Die Welt ist einfach ein Dorf!

Aber zurück zu unserer Unterkunft. Es ist ein altes, aber großes Haus, sehr gemütlich gelegen mit großem Grundstück. Der Besitzer und Vermieter ist Sergej, ein saucooler Mittsiebziger. Der erste Gang ins Gemäuer eröffnet einen unvergesslichen Anblick: man hat wahrhaftig das Gefühl, im Haus der Adams Family zu stehen! Betagte Möbel, düstere Atmosphäre, es riecht alt. Da ein verstimmtes Klavier aus der Steinzeit, dort die antike Kommode… dieses Haus hat unfassbaren Style! Wir schauen uns noch ein paar wenige Stunden in Karakol um, gehen lecker essen und in ein Internetcafe (pro Stunde 5 MB Traffic inklusive, selten so gelacht). Der Tag endet mit informativen und interessanten Gesprächen, einer warmen Dusche und ein bis drei gepflegten Bierchen.

vom 23. Juni 2009

15. Tag: What goes up must come down

Geschrieben von Sascha in Kirgisistan

Hey, wir hatten für diese Nacht eine Jurte gebucht, nicht dieses scheiß Eishotel in Lappland! Hätte auch mal jemand sagen können, dass Omas Heizdecke mit dem integrierten Mini-Atomkraftwerk hier angebracht gewesen wäre. Um es auf den Punkt zu bringen: wir haben uns den Arsch abgefroren. “Sack” soll ich nicht schreiben, haben sie alle gesagt. Das wäre in Anbetracht der personellen Zusammenstellung unserer Gruppe auch faktisch nicht korrekt gewesen. Wir waren zwar nur auf 2700 Metern Höhe untergebracht, aber der Wind hat in der Nacht ganz fies gedreht. Und da unser meisterliches Bauwerk zwischen Tür und… ja, ähh… Wand (?) einen derartig großen Spalt hatte, dass locker noch ein Schaf durchgepasst hätte, lagen wir praktisch voll im Zug. So, aber nun genug gejammert! Schließlich leben wir noch und werden mit Sonnenschein begrüßt. Nach ein wenig Frühsport an der frischen Luft servieren uns unsere Gastgeber ein leckeres Frühstück.

Stress ist auf diesem Teil der Erde ein Fremdwort, und das ist gut so. Unsere Mahlzeit dauert wohl knapp zwei Stunden. Eilig haben wir es auch nicht, den Melis, der uns gegen 9.00 Uhr abholen wollte, schlägt erst gegen 11.00 Uhr auf. Er fragt uns nach dem gewünschten Weg ins Tal. Sollen wir die schnelle Variante nehmen oder die ausgedehnte? Melis will uns noch mehr abverlangen als am Vortag. Bieten will er uns was, und wir sitzen gut im Sattel. Warum also nicht? Es geht los. Ich habe ein neues Pferd bekommen. Ein Jungspund unter den ausgewachsenen Tieren, heißblütig und schnell! Hätten wir es mit Autos zu tun, so wäre aus einem Coupé fürs gemütliche Cruisen nun ein reinrassiger Sportwagen mit kompromissloser Sportabstimmung und Rennstreckentauglichkeit geworden. Nur an der PS-Zahl hat sich offensichtlich nichts geändert. Sagt zumindest das Datenblatt.

Der eigentliche Weg ins Tal entzieht sich jeder Vorstellung von Normalität. Wir reiten Steilhänge hinab, auf denen selbst die erfahrenen Pferde an ihre Grenzen stoßen. Mit hilfreichen Tipps von Alice schaffen wir es aber dennoch, diese absurd gefährliche Route zu überwinden und auf den regulären Pfad zurückzufinden. Wir hatten unsere Action, der Rest ist jetzt ein gemütlicher Heimritt. Als wir nach einer ganzen Weile und mit inzwischen ordentlich schmerzenden Hintern und Oberschenkeln in Tamchy ankommen, müssen wir uns doch nochmal überwinden. Die Dorfkiddies reiten dort fröhlich mit ihren Eseln umher und fordern uns zu rennen heraus. Klingt lächerlich, ist es auch – für uns! Denn inzwischen hatten wir keine Stöckchen mehr zum Antreiben dabei, schaffen es demnach nicht, unsere Rösser in den Galopp zu bringen und müssen uns von Halbwüchsigen auf tiefergelegten Eseln versägen lassen. Unglaublich, diese Schmach!

Wir steigen vor dem Haus unserer Gastfamilie ab. Vollkommen fertig, aber glücklich verabschieden wir Melis und freuen uns auf die Dusche, die jetzt hoffentlich wieder funktioniert. Jupp, Wasser kommt raus, coole Sache. Und man darf es wörtlich nehmen: die Brühe ist kalt. Wir haben’s registriert; schocken kann uns sowas schon lang nicht mehr. Und auch unter einer kühlen Dusche wird man sauber.

Eine weitere Übernachtung in Tamchy war eigentlich gar nicht geplant, macht aber in Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit und unserer körperlichen Verfassung durchaus Sinn. Ein Problem ist das für die Familie erwartungsgemäß nicht. Man hat übrigens Gäste diesen Abend. Zur Feier des Tages wird eines der Lämmer aus eigener Zucht geschlachtet. Und so haben wir den Abend Zeit für etwas Erholung. Wo wir das Abendessen zu uns nehmen, versteht sich von selbst: ein letztes Mal geht’s in unser Stammlokal, wo man uns schon mit einem freundlichen Lächeln aufgeschlossen begrüßt. Einmal Laghman bitte, gebraten, dazu ein großes Pils!

vom 22. Juni 2009

14. Tag: Der Berg ruft!

Geschrieben von Sascha in Kirgisistan

Was haben wir da am Vortag nur geplant für den heutigen Tag? War das so klug? Jedenfalls klingt das Vorhaben umso spannender, je näher es rückt. OK, es geht dann heute also die Berge hinauf, so grob in Richtung Norden. Schaut man sich das auf der Karte an, so findet man schnell heraus, dass es dort entlang gar nicht weit nach Kasachstan ist. Wir finden Bestätigung im Lonely Planet: Etwa 70 Kilometer, also zwei Tagesmärsche wären das. Die Pässe sind allerdings nahezu dicht, weil in diesem Jahr die Schneeschmelze später eingesetzt hat. Das kann uns auch egal sein, denn wir sind bei den Kirgisen und wollen dort auch noch eine Weile bleiben. Ist ganz angenehm hier!

Wie hoch uns die in wenigen Minuten beginnende Tour bringen wird, wissen wir noch nicht so genau. Fakt ist: Auf den Jeep haben wir verzichtet, auf einen Fußmarsch auch – wir werden reiten! Und da kommt er auch schon angedüst, unser Guide, und insgesamt 5 Pferde hat er unterm Arm. Melis heißt er, der sich gleich damit befleißigt, unser Gepäck irgendwo am Sattel anzubinden. Das Interessante: OW und ich sind noch nie wirklich geritten, und Volksfeste mit blöden “Ich-lauf-mal-kurz-im-Kreis”-Reitaktionen im Kindesalter zählen nicht. Alice und Thomas hingegen wussten, wie der Hase – Pardon, der Gaul! – läuft. Alice hatte sogar einen Reitlehrerschein. Na da konnte wenig schief gehen. Wir wurden sprichwörtlich ins kalte Wasser geschmissen. Melis hat auf sowas wie eine Einführung großzügig verzichtet. Deswegen erklärte uns Thomas kurz, wie das mit Gas, Bremse, Kupplung und Lenkung funktioniert. Und schon geht’s los. Nach 200 Metern meint mein Pferd, es müsste mal kurz den Chef raushängen lassen. Ab auf die Hinterbeine und Zähne zeigen! Und diese bei der Gelegenheit gleich noch in Thomas’ Pferd reinhauen, um die Kräfteverhältnisse auch schön geschmeidig zurechtzurücken. Ein alter Möchtegern-Cowboy wie ich lässt sich von so einer Aktion natürlich nicht im Geringsten beeindrucken und schon gar nicht abwerfen vom Kameraden auf 4 Beinen. Alles ok! Die verräterische Pulsuhr, die nicht nur akustischen Alarm geschlagen, sondern dank integrierter Sim-Karte und GPS-Ortung wahrscheinlich gleich selbständig den Rettungshubschrauber gerufen und zur richtigen Position gelotst hätte, befand sich zum Glück nicht in greifbarer Nähe. Danach ging alles wie von selbst. Zwei Stunden sollte der Aufritt dauern bis zu dem Platz, an dem wir den Aufbau einer Jurte begleiten und später darin schlafen würden. Langsam geht es voran. Wenigstens bleibt so genug Zeit, die Gegend ausgiebig zu genießen. Und für den Anblick, der sich für uns nach jeder Kurve in neuer Form bietet, kann man sich gar nicht genug Zeit nehmen. Atemberaubend!

Wir kommen nach gefühlten 14 Stunden am Zielort an, mitten in den Bergen, mitten im menschenleeren Raum. Eine Hand voll Leute ist schon mit dem Abladen von Material vom LKW beschäftigt. Kinder tollen herum, zwei Hunde sind etwas fauler unterwegs und machen es sich unter dem Laster bequem. Nach unserer Ankunft gibt es erstmal etwas zu futtern. Brot, Sahne (ein butterähnliches Zeug), Kefir. Wir steuern noch ein paar Kekse bei, und fertig ist das Festmahl. Danach werden wir aktiv und helfen beim Aufbau der Jurte. Ein deutscher Bauingenieur hätte sich das nicht mit anschauen dürfen, was da in rund einer Stunde entstand, aber es war dann zum Ende hin doch irgendwie halbwegs stabil.

Endlich fertig. Zurück zu den Pferden! Na nu, wo sind die denn hin? Ach, die hatten sich nur großzügig beim Gras bedient und waren schon mal einen halben Kilometer vorgelaufen. Es ging dann weiter, Melis wollte mit uns noch einen kleinen Ausritt unternehmen. Und was uns jetzt erwartete, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Wir reiten Wege, die zu Fuß kaum möglich wären. Es geht steile Berge hinab, quer durch’s Geröll, haarscharf an Abhängen vorbei. Ein falscher Tritt vom Pferd, und es geht steil abwärts in die ewigen Jagdgründe. Angst kommt komischerweise nicht auf, nur Respekt. Und wenig später das bewegende Gefühl von Freiheit und der Gewissheit, hier gerade etwas für uns einmaliges erleben zu dürfen. Landschaftlich erinnert mich die ganze Sache an Szenen aus “Der Herr der Ringe”. Extrem und unbeschreiblich, auch mit Fotos kaum zu erfassen. Pause. Thomas spielt mal eben den Lebensretter und bewahrt eine Baby-Wachtel vor dem sicheren Tod durch den Hund eines unserer Begleiter, der vor ein paar Sekunden eine weitere Wachtel erlegt hat. Pause beendet, zurück in den Sattel!

Auf einer weiten Fläche bringen wir unsere Pferde erstmals in den Galopp und rasen Seite an Seite in unendliche Weiten hinein, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Minuten später finden wir uns inmitten einer riesigen Herde aus Schafen, Kühen und Ziegen wieder. Hey, das ist Cowboyfeeling! Einer unserer Begleiter schießt noch schnell sein Abendbrot: ein Murmeltier. Wir reiten weiter und sind inzwischen so sicher im Sattel, dass wir uns kleine Rennen liefern. Für einen Moment dachte ich, ich hätte die Meisterin Alice tatsächlich abgehängt. Die hat aber nur bei Tempo 160 ihre Sonnenbrille verloren und ist deswegen kurz umgekehrt.

Nach acht Stunden auf den Rücken unserer edlen Rösser sind wir wieder zurück bei der Jurte. Inzwischen sind es derer schon zwei. Nun gibt’s also eine Kombüse neben der Captain’s Lounge – sehr schön! Ein heißes Mahl wird uns zum Abend kredenzt. Laghman, frisch zubereitet auf dem von getrockneter Kuhscheiße befeuerten Ofen. Lecker, wirklich! Inzwischen wissen wir auch, auf welcher Höhe wir uns befinden, denn die GPS-Telefone konnten wir dann doch nicht im Tal lassen. Immerhin auf 2700 Metern über NN sitzen wir und schlürfen das obligatorische Feierabendbier. Bei entsprechend kühlen Temperaturen begeben wir vier lustigen drei uns in der Jurte allmählich in die Horizontale. Ein traumhafter Tag geht zuende.

vom 21. Juni 2009

13. Tag: Wir gewinnen an Höhe.

Geschrieben von Sascha in Kirgisistan

Alice hatte Recht! Irgendwo in unmittelbarer Nähe unserer Unterkunft gab es wohl eine muslimische Gebetsstätte, in der auch nachts (früh um 5 ist nachts!) kein Halt vor der exzessiven Verbreitung von Akustik-Smog gemacht wurde. Die Nacht war aber trotzdem sehr angenehm, und der sonnige Morgen begann zunächst mit dem Versuch der Befriedigung eines menschlichen Grundbedürfnisses. Nein, nicht der Gang zur Toilette soll hier thematisiert werden, vielmehr ging es auf Nahrungssuche! Gar nicht so einfach. Sagte man uns zumindest. Die Herausforderung war aber eigentlich keine, denn nach 10 Minuten waren wir mit prall gefüllten Einkaufstüten wieder da, packten den ganzen Plunder an der Futterstelle auf dem Hof aus und hatten beim anschließenden kräftigen Frühstück einige nette Gespräche.

Eine schnucklige junge Dame sprach auf einmal zu mir. Deutsch. Heimisch-vertraut. Sächsisch! Was ist denn hier los? Romy hieß sie, war aus Dresden und mit ihrem niederländischen Freund Eddy auf dem Weg nach China. Einige Monate waren die beiden schon unterwegs, genau wie ein bayrischer Radtourist, der zusammen mit seinem Material eine beachtliche Laufleistung aufweisen konnte. Das eine Lager – soviel ist mir im Gedächtnis – hatte 45.000 Kilometer runter. Dafür brauch ich selbst mit meinem Auto fast 3 Jahre! Hans-Herbert (Name von der Redaktion mangels Kenntnis frei erfunden) war es auch, der uns fragte, wo wir so schnell unser Frühstück herbekommen hatten. Nach einer kurzen Beschreibung meinte er, dass der von uns gewählte Weg bewusst von allen vermieden wird, da in der einen Gasse wenige Tage zuvor ein Japaner von Einheimischen krankenhausreif geschlagen wurde. Warum zum Teufel sagt uns das keiner vorher?

OK, das hätten wir also überlebt. Fahren wir mal mit dem Marschrutka weiter, und zwar zum landschaftlich sicher interessantesten Teil Kirgisistans, ja, vielleicht unserer gesamten Reise! Etwa 3 Stunden fahrt sind es zum zweitgrößten Bergsee der Welt – dem Lake Issyk-Kul. Er liegt auf knapp 1.500 Metern Höhe mitten im nördlichen Alatau, bietet Strände beinahe wie am Meer und ist eingebettet in fantastische, schneebedeckte Bergmassive, die über die Grenze von 4.000 Metern über dem Meeresspiegel reichen. Unser Ziel ist Tamchy, ein kleines, gemütliches Dorf mitten am Wasser.

Die Fahrt war reichlich ungemütlich. Wie bitte soll ein groß gewachsener Europäer mit durchschnittlich breiten Schultern in so einer Hutschachtel sitzen? OW und ich teilten uns so eine Art Zweiersitz. Im 15-Minuten-Takt wechselten wir die Position unserer Rücken – einer vorne, einer hinten. Nebeneinander passten unsere Schultern nicht. Klingt unglaubwürdig, ist aber so. Der Lohn dafür ist aber mehr als üppig. Nur etwa 300 Meter sind es von der Straße zum Strand. Die Kulisse, die uns dort erwartet, haut uns förmlich um! Wir zögern nicht lange und gehen ins Wasser, obwohl es draußen bei weitem nicht mehr so warm ist wie zuvor in Usbekistan oder auch in tiefer gelegenen Gebieten von Kirgisistan. Die rund 20 Grad Lufttemperatur sind aber vollkommen ausreichend, das Wasser ist nicht viel kälter.

Im Lonely Planet steht, dass man am Strand 50 Meter nach links laufen und dort Herrn XY nach einer Unterkunft fragen soll. Joa, na wenn das da so steht? Gesagt, getan. Und schon haben wir unsere Unterkunft in einem kleinen Haus mitten am See, was von einer armen, aber sehr netten Familie bewohnt wird. Die Toiletten entsprechen dem üblichen Standard: Loch im Holz, fertig ist der Lack. OK, Boxen drumrum. Spülung? Fehlanzeige. Klingt abenteuerlich, ist aber an sich eine recht hygienische Sache. Jedenfalls erwecken die “sanitären Anlagen” keinen abstoßenden Eindruck.

Zum Mittag hin kommt der Hunger, und wir gehen abermals auf die Jagd nach den kulinarischen Köstlichkeiten des Ortes. Das fällt nicht schwer, denn in dem überschaubaren Dorf gibt es nur ein Lokal. Dort ist es angenehm, was auch auf die Bedienung zutrifft. Bei der Musik hat man das Gefühl, als wenn ein Teenager durch die Lieder seines mp3-Players zappt, und genau das ist auch irgendwie der Fall, nur ohne Teenager. Da aber das Essen sehr lecker ist, wird wohl ein weiterer Besuch fällig werden müssen. Genau genommen dauert es bis zu diesem keine 4 Stunden. Gleich am Abend gehören die 4 bunten Hunde aus Europa wieder zur überschaubaren Gästezahl.

Wir planen noch schnell den nächsten Tag und wollen zeitig ins Bett. Eine Dusche genehmigen wir uns vorher nicht. Klar, es kommt ja auch kein Wasser aus dem Scheißding. Das Bad im glasklaren, ganz leicht salzigen See sollte aber die schlimmsten Gerüche und Verschmutzungen beseitigt haben. Und selbst wenn nicht, so gilt immer noch der kluge Spruch zweier Freunde und Weltenbummler aus dem heimischen Erzgebirge: “Stinken fetzt!” Thank you, Frank + Bisch, for those words of wisdom.

vom 20. Juni 2009

12. Tag: Bye bye, Usbekistan

Geschrieben von Sascha in Kirgisistan, Usbekistan

Holzklasse, die Zweite: Wir checken aus dem Hotel “Malika” aus und lassen uns im Taxi zum internationalen Airport in Tashkent fahren. Erneut steht uns ein Flug mit Usbekistan Airlines bevor, einer Fluglinie, mit der wir ja schon überraschend gute Erfahrungen gemacht hatten. Diesmal steigen wir in eine alte Tupolev – eine TU-154. Geiles Ding! Die hatte ich als Kind schon als Modell, und nun sitze ich drin, das rockt! Gut, das Alter sieht man der Maschine, die bekanntlich schon die deutsche demokratische “Interflug” einsetzte, innen und außen an. Sind die Sitze nun sportlich tief gehalten oder einfach nur unglaublich durchgesessen? Das beschäftigt mich bisweilen auf einem Flug, der nicht sehr spannend ist. Bis zum Sinkflug! Der Pilot war wahrscheinlich im 2. Weltkrieg Kampfflieger. Das würde jedenfalls erklären, warum der beim Landeanflug Manöver fliegt, die für einen großen Passagierjet ungewöhnlich – ähem, sagen wir mal: agil – anmuten. Nachdem sich ein Passagier ganz in unserer Nähe viele Minuten an der Kotzgrenze bewegte, sind wir endlich am Boden zerschellt. Hab ich gedacht. Aber das war nur ein Luftloch, welches wir kurz vor der Landung noch erwischten. Der Pilot legte danach eine Bilderbuchlandung hin, die im Ferienflieger von Air Brandenburg (Name redaktionell geändert) sicher wieder zu euphorischem Applaus der Ballermann-Jünger geführt hätte.

Am Flughafen in Bishkek erwartet uns zunächst der Erwerb des Visums. Das soll sehr einfach sein, weswegen wir diesbezüglich im Vorfeld auch nicht aktiv wurden. Ist es auch. 70 Dollar, und wir sind drin. Teuer, aber unkompliziert. Am Konsulatsschalter kommen wir mit einer jungen Französin ins Gespräch, ihr Name ist Alice. Wir sollten noch eine Weile gemeinsam verbringen. Sie wollte Kirgisistan sehen, wir hatten beim Besten Willen noch keine Ahnung. Unsere Pläne waren also grundsätzlich kongruent, damit konnte es losgehen. Schnell noch ein paar Tausend kirgisische Som vom Geldautomat am Flughafen gezogen, und schon finden wir uns wieder inmitten unserer Lieblingsbeschäftigung: der Suche eines möglichst günstigen fahrbaren Untersatzes. Zum Glück wird man ja meist gefunden. Die Kirgisen gehen dabei aber wesentlich zurückhaltender zu Werke als beispielsweise die Usbeken, die durch heftiges Zerren dem Passagier dann neben dem Geld für die Fahrt gleich noch den Arm entreißen, um auf dem Organmarkt noch ein paar Dollar zu scheffeln. Deswegen: Vor Verhandlungen über den Fahrpreis stets die Rolex abmachen, um das potenzielle Diebesgut so gering wie möglich zu halten.

Die Kirgisen lieben Deutschland. Das merkt man schon auf der Marschrutka-Fahrt nach Bishkek. Freudig wie ein Schnitzel und sichtlich stolz berichtet uns der Fahrer, dass sein Mercedes Sprinter aus Deutschland kam. Klar, nachdem er hierzulande einen wirtschaftlichen Totalschaden in Folge eines Unfalls erlitt, denn sonst wäre der gute Mann nie in den Genuss unseres Lieblingslasters gekommen. Dem Touristen kann diese Variante aber nur recht sein, denn der Crash-Wagen ist immer noch vertrauenswürdiger als eine der vielen Reisschüsseln undefinierbarer Herkunft.

Endlich angekommen in Bishkek. Der “Lonely Planet”, Ausgabe 2007, hält genügend Optionen für die Übernachtung bereit. Dumm nur, dass in diesem Jahr rund die Hälfte davon nicht mehr existiert. Alice erweist sich hier zum ersten Mal als echter Joker, denn sie führt uns zielgerichtet in ein Backpacker-Domizil, welches noch so halb in der Renovierung befindlich ist, aber immerhin schon einen guten Standard mitten in einer wenig einladenden, suburbanen Gegend bietet. Wir checken ein. Zu viert im 6er Dorm, nagelneue Dusche nebenan. Perfekt. So, raus hier, ab in die City!

Wir schlendern durch Bishkek, schauen uns die Wachablösung an einem Regierungsgebäude an und wundern uns über die vielen Landesflaggen. Naja, immerhin bringen die einige Farbe ins Spiel. Ansonsten ist Bishkek recht freundlich, für eine zentralasiatische Hauptstadt herrscht vergleichsweise wenig Hektik. Die öffentlichen Telefone sind eine Offenbarung. Dicke Stahlfernsprecher, die wir früher wunderbar zu Panzern hätten einschmelzen können, wurden schnell mittels dünnsten Klingeldrahts, der kaum einen darauf sitzenden Vogel übersteht, mit dem nächsten Haus verbunden. Das Kuriose daran: Es funktioniert! Zurück im Hostel. Die Stimmung ist gut, ein Bierchen ist auch mit am Start. Heute mal, höhö! Wir freuen uns auf das weitere Kirgisistan.

vom 19. Juni 2009

11. Tag: Holzklasse nach Tashkent

Geschrieben von Sascha in Usbekistan

Neuer Morgen, alter Schlamassel. Die Sonne weckt uns unbarmherzig, und als hätten wir nicht den ganzen Tag genug von ihr, haut sie uns gefühlte 2 Stunden zu früh (real: abermals 5 Minuten) aus dem Bett. Wieder Frühstück, leicht abgewandelt in der Zusammenstellung, wieder die nette Japanerin. Wir halten uns heute nicht so lange auf, denn der Flieger wartet. Also ab ins nächste Taxi und mit Volldampf zum Airport. Interessanterweise haben wir nicht gebucht. Das läuft dort so, dass man an den Schalter geht und den Flug bezahlt – ist beinahe wie Bahnfahren. Der Luftweg war in diesem Fall nicht geplant, aber kurzfristig haben wir so entschieden, um Zeit zu sparen und an Komfort zu gewinnen. Für gut 30 Dollar pro Passagier fliegen wir in unserer Propellermaschine, einer IL-114 von Bruchlandungsairlines (”Uzbekistan Airways”), nach Tashkent. Die Fluggesellschaft ist eine der wenigen im zentralasiatischen Raum, die nicht auf der europäischen schwarzen Liste steht. Irgendwas müssen die Jungs und Mädels dort also richtig machen, und das merkt man an Bord durchaus, selbst bei uns in der Holzklasse. Der Flug ist sehr angenehm, der gesamte Ablauf inkl. Checkin und Checkout absolut professionell.

In Tashkent fahren wir mit dem Taxi ins vereinbarte Hotel. Doof: es gibt 2 mit demselben Namen. Wir erwischen das teurere, wo ein Zimmer pro Person mindestens 70 Dollar kostet. Zurück ins Taxi und zu einem anderen Hotel. Der Taxifahrer will mehr Geld und rückt uns nicht von der Pelle. Der Rezeptionist im Hotel unterstützt das. Etwas mehr Neutralität hätte dem Grünschnabel nicht schlecht gestanden, aber so ist das nunmal. Mit 3000 usbekischen Sum werden wir den lästigen Fahrer endlich los und checken ein. Das Zimmer ist geräumig und sauber – passt!

Tashkent ist merkwürdig: Anonym, unfreundlich, kein Platz zum längeren Verweilen. Wir schauen uns die Stadt an, gehen auf den riesigen Basar. OW hat noch immer Probleme mit der Verdauung, die ihn mitten im Einkaufstrubel besonders hart treffen. Verglichen mit der einzig verfügbaren Toilette in der Nähe mutet der Gang zum Schweinestall wie der Besuch einer Wellnessoase an. Aber was man bei Not(durft) nicht alles auf sich nimmt.

Es geht weiter zum TV-Tower, der allein durch seine Höhe zur Attraktion wird. Auf dem Weg dorthin begegnen uns die üblichen städtischen Bettler, diesmal aber hauptsächlich Kinder, die sich fast schon einen Spaß daraus machen. Wir entkommen defensiv. Ein passierender Usbeke ist im Gegensatz zu uns recht schmerzbefreit, seine Hand landet volle Granate im Gesicht des einen Jungen. Unser Mitgefühl hält sich in Grenzen. Das sollte ich nicht so offen sagen, aber wir sind ja hier unter uns.

Zum Abend hin entspannen wir noch etwas im Park und gehen essen. In der Fußgängerzone passieren kuriose Dinge. Dass man auf der Straße geworben wird, einer Person in ein Lokal zu folgen, ist dort ja fast normal. Als jedoch innerhalb des Burgerschuppens unserer Wahl eine Art Abwerbemaßnahme durch die Fenster des Gebäudes hindurch erfolgte, kam dann doch kurzzeitig dezentes Kopfschütteln, ja beinahe Unverständnis, auf. Was einem nicht so alles widerfährt am “Broadway DDR”.

vom 18. Juni 2009

10. Tag: 1001 Nacht in Bukhara

Geschrieben von Sascha in Usbekistan

Verdammte Axt! Was zum Henker macht die Sonne in meinem Gesicht? Ich will doch nur schlafen…! Die Fensterläden waren immerhin zu, wie nett. Dummerweise haben die Dinger da draußen Spaltmaße wie italienische Autos. So vermögen Sie die mit aller Wucht hereinbrechenden Sonnenstrahlen nicht abzuhalten und bescheren ein frühes Ende dieser schönen Nacht. Bei aller Dramaturgie sei gesagt, dass 5 Minuten später der Wecker geklingelt hätte, was weitaus unsanfter gewesen wäre. Aber es geht ums Prinzip!

Der bewusst wahrgenommene Teil des Morgens beginnt mit einem leckeren Frühstück im Keller des Hotels. Dort finden wir neben allerhand Köstlichkeiten auch noch eine freundliche Japanerin vor, die allein durch die Welt reist und uns ein paar Minuten länger am Tisch fesselt zum Zwecke gepflegter frühmorgendlicher Konversation. Respekt, die hat schon ‘ne Menge gesehen. Alsbald brechen wir aber doch auf, um uns Bukhara anzuschauen. Irgendwie sieht alles ein wenig aus wie in Samarkand. Ähnliche orientalische Gebäude, etwas Grün, viel Staub und Trockenheit, beschauliche Plätze und geheimnisvolle abgelegene Gassen. Aber nein, etwas ist anders. Das Flair. Hier geht es noch entspannter zu, die Straßen sind angenehm leer, kaum Touristen sind zudem zu sehen. Letzteres fällt während der ganzen Reise besonders auf. Die aktuelle wirtschaftliche Lage scheint auch hier Tribut zu fordern.

Die Menschen in Bukhara sind weitestgehend angenehme Zeitgenossen, zudem sprechen vergleichsweise viele Leute Englisch. Aber auch hier weiß man, wie man den gemeinen Europäer um ein paar Euro erleichtert. Das trifft besonders auf die touristischen Zentren zu. Es ist schon erstaunlich, wie anders sich die Kommunikation mit den Einheimischen ein paar Meter weiter “draußen” anfühlt. Kurz gesagt: Man hat dann nicht mehr unbedingt das Gefühl, nach Strich und Faden beschissen zu werden. Vielleicht ist die Offenheit nicht dieselbe, aber wenn vorhanden, dann ehrlich. Und wenn dann die mehrheitlich vorhandenen Goldzähne aus dem Munde eines Usbeken blitzen, dann ist dieses Lächeln ein echtes Lächeln.

Eine interessante Begegnung haben wir an der Kasse eines kleinen Aussichtsturmes in der Nähe der Zitadelle. Wir werden wiedermal für Amerikaner gehalten. Nach Richtigstellung der Herkunft hat sich der Eintrittspreis kurioserweise halbiert – na nu? Niedlich: Jeder muss uns seine 2 Brocken Deutsch aufsagen, die er so kann. In dem Fall waren es beim Kassierer sogar 3, und zwar Städte: Berlin, Dresden, Buchenwald! Die Vorbildfunktion, die dieser Mann ausübt, wird hier besonders deutlich. Mehr als zwei Drittel der genannten Städte liegen im Osten. Logo, ist ja auch näher dran an Usbekistan, da kennt man sich aus.

Tausendundeine Nacht werden’s dann in der schönen Stadt wohl doch nicht werden. Zurück im Hotel sieht’s wunderbar aufgeräumt aus, doch etwas stinkt. OWs Socken sind es nicht, denn wir hatten am Vortag gewaschen. Etwas war faul, und nach einer aufwändigen Inventur stellten wir fest, dass bei OW 100 Dollar fehlten. Die waren im Backup-Fach des großen Rucksacks, der natürlich im Hotel geblieben war. So lernt man auch schnell die Schattenseiten des Orients kennen.

vom 17. Juni 2009

9. Tag: Samarkand

Geschrieben von Sascha in Usbekistan

Heute schauen wir uns Samarkand an. Mir ist die Stadt noch bekannt aus dem uralten Computerspiel “Civilization” von Sid Meier. Und endlich ist es mal soweit, diese Perle der Seidenstraße live zu erleben.

Tatsächlich, diese Stadt ist schön! Einheimische mögen die aktuellen Veränderungen zwar mit Argwohn betrachten, aber das Stadtbild wirkt stilvoll und angenehm. Derzeit scheint eine Menge Geld von wo auch immer (EU?) in die Sanierung zu fließen. Letztere geht leider zum Teil etwas am traditionellen Stil der Stadt vorbei. Aber Samarkand ist grün! Eine Oase inmitten von Staub, Trockenheit und Hitze. Dazu Moscheen, wie sie gern auf Postkarten abgebildet werden, Basare mit herrlichen Gewürzen, Obst, Gemüse und natürlich orientalischen Süßigkeiten.

Das Klima in Samarkand ist freundlich. Klar, vor allem gegenüber Touristen, denn die lassen sich gut ausnehmen. Auch hier ist man wieder Hauptattraktion. Solange sich das auf Grüße und Smalltalk beschränkt, ist das durchaus angenehm. Das Gezerre der bettelnden Frauen mit Kind auf dem Arm nervt aber ebenso wie die Abzocke, die mit Touristen betrieben wird. Da wurde einiges versaut, und das dürfte wohl auf die Kappe von Ausländern gehen, denen das Geld hier ein wenig zu locker saß.

Die nächste Station soll Bukhara sein. Um von dort nicht nach Tashkent umständlich zurückfahren zu müssen, wollen wir einen Flug buchen. Also ab zum Airport! Was uns dort erwartet, ist Postkommunismus in Perfektion. Die Information gibt keine nennenswerten Informationen, schon gar nicht in Nichtrussisch. Die Schalterbeamtin ist zur Arbeit beim besten Willen nicht zu motivieren, ja, sie kennt nicht einmal die Zahlungsmöglichkeiten ihres Büros. Visa? Keine Ahnung! Eine Toilette gibt es. Dummerweise ist die geschlossen. OW hat da mit seinem Durchfall durchaus ein Problem und sucht sich in Windeseile ein Hotel in Flughafennähe. Glück im Unglück: mitten auf dem stillen Örtchen hat er den einzigen WLAN-Hotspot, den wir in Usbekistan überhaupt finden sollten.

Durchfall ist ein allgemeines Problem. Wir hatten uns in Shimkent am Abend den Magen verdorben – lauwarmes Laghman. Und während OW und Thomas mit den üblichen Mitteln am Kämpfen sind, kippt unsereins kalten Apfelsaft, um die Verstopfung loszuwerden. Da prallen Welten aufeinander.

Der Zeitplan ist straff – am selben Tag noch geht es mit dem Bus nach Bukhara. Es ist lustig, sich aus dieser Perspektive mal das Treiben auf den Straßen anzuschauen: Einen Führerschein haben wahrscheinlich die wenigsten, Verkehrsregeln sind Auslegungssache und mit den deutschen eher weniger vergleichbar. Straßen sind grundsätzlich schlecht, heftige Schlaglöcher können (und werden!) spontan auftauchen. Auf der Schnellstraße liegen hier und da mal Kinder, Esel oder anderes Ungeziefer quer in der Gegend rum und gehen auch nur unwillig zur Seite. Abfahrten gibt es oft nur einseitig. Das ist ein Problem. Um diese von der Gegenseite zu erreichen, biegt man einfach durch die Mitte ab, was eigentlich unvorstellbar gefährlich ist, besonders bei hoher Verkehrsdichte. Auch die vorgegebene Fahrtrichtung ist Nebensache, denn selbst bei Tempo 100 kommen einem Autos, Eselgespanne oder Fahrräder entgegen.

Der zwischenzeitlich kaputte Bus schmeißt uns nach etwa 3h Fahrt plötzlich raus, wir müssen umsteigen. Am Ende kommen wir aber doch nach anschließender Taxifahrt heil an und finden am Abend noch ein wunderhübsches und günstiges Hotel in Bukhara.

vom 16. Juni 2009

8. Tag: Stellungswechsel! Muss ja auch Spaß machen.

Geschrieben von Sascha in Kasachstan, Usbekistan

Nein, man kann kaum behaupten, dass wir bisher auf der Stelle getreten sind. Und trotzdem gilt es an diesem Tag, einen Ortswechsel im größeren Stil vorzunehmen.

Von unserem Lager in Shimkent geht es mit einem 28 Jahre alten Audi 100 – das ist tatsächlich ein Taxi – zur usbekischen Grenze. Die Karre stinkt nach Benzin, dass es für Junkies ein reiner Hochgenuss wäre. Für uns nur bedingt, aber die Kiste fährt, und das ist wichtig. Über die Richtung wird aber noch zu diskutieren sein.

Dummerweise gibt es Grenzen, da kommt man als Europäer einfach nicht drüber. Wir haben daher vorab mit dem Taxifahrer ausgehandelt, dass er uns zur internationalen Grenze bringt. Hat er wohl falsch verstanden. Dem armen Kerl will ich keine Absicht unterstellen *hust*. Natürlich lässt er uns an irgendeiner nationalen Station raus, an der wir zuerst in Wechselstuben geschleppt und beschissen werden. Auf einmal gibt es heftige Diskussionen mit dem Fahrer, ein paar weitere Kollegen haben sich inzwischen hinzugesellt. Thomas regelt das allein – knallhart und wie ein Weltmeister – Hut ab! Wir müssen aber tatsächlich nochmal weiterfahren, allerdings mit einem anderen Fahrzeug.

An der Grenze verläuft alles recht unproblematisch. Thomas hatte da andere Erfahrungen, aber nach kleineren Schikanen haben wir immerhin binnen 1 Stunde den frisch sanierten Grenzübergang passiert. Auf der anderen Seite erwartet uns ein kleines armes Dorf, Eselgespanne und andere tolle Errungenschaften Usbekistans wohin man sah. Sofort will uns jeder eine Taxifahrt aufschwatzen. Die Konditionen sind erwartungsgemäß schlecht, aber nach einigen hundert Metern entscheiden wir uns für eine Fuhre nach Tashkent, der usbekischen Hauptstadt. Ich weiß nicht, ob der junge Fahrer schon einen Führerschein hat, aber seinen Job macht er gut.

Angekommen in Tashkent suchen wir uns das nächste Marschrutka, denn übernachten in der Hauptstadt passt so ganz und gar nicht in den Zeitplan. Ok, es wurde das übernächste, denn im erstbesten Fahrzeug wollten die doch glatt meinen Rucksack aufs Dach schnallen, weil der nicht vorhandene Kofferraum schon voll war. Auch mangels Sprachkenntnissen konnte ich wohl meinen Unmut über diese Idee schnell, klar und deutlich zu verstehen geben. Und so geht es am späten Nachmittag noch nach Samarkand. Dort angekommen will man uns in ein Hotel lotsen, da hatte der Taxifahrer wohl einen kleinen Deal mit dem Hotelier laufen. Thomas kennt zum Glück eine nette Absteige, in die wir trotz misstrauischem Empfang übernachten können. Ein wenig schmuddelig mutet es an, aber die Nacht ist letztlich erholsam, und wir können mit neuer Energie in den nächsten Tag starten.

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