30 Tage Zentralasien. Fast.

vom 24. Juni 2009

16. Tag: Zu Gast bei der Adams Family

Geschrieben von Sascha in Kirgisistan

Erholt starten wir in den Tag, genießen noch das Frühstück, welches uns bereitet wurde. Wir nehmen uns Zeit dafür und entdecken beim Blick durch das Zimmer einige Dinge „made in GDR“. Da steuern wir doch gern noch was bei und schenken unserer liebgewonnenen Übersetzerin, der Tochter der Familie, einen unserer mitgebrachten „Klettermaxen“, ein Originalprodukt der Erzgebirgischen Volkskunst.

Dann geht’s auf, wir haben den Weg nach Karakol vor uns und wissen noch nicht so richtig, wie der aussehen soll. Erstmal zur Hauptstraße watscheln und uns an der Bushaltestelle niederlassen. 10 Minuten… nichts. 20 Minuten… nichts. 30 Minuten… oh! Nein, kein fahrbarer Untersatz, aber alte Bekannte. Romy und Eddy kommen um die Ecke, diesmal in Begleitung von „Deckel“ (Name ziemlich sicher falsch geschrieben) aus Israel. Zu siebent sitzen wir also dort rum und warten, alle mit demselben Ziel im Fokus. Aber ein Ende der Überraschungen war nicht in Sicht. Ab und zu kommt mal ein privater Taxifahrer vorbei und will uns für irreale Summen an den Zielort fahren. Auch nach Verhandlungen sehen die Tarife noch nicht nach unseren Vorstellungen aus. Aber dann kommt’s dick: Ein Polizist springt plötzlich hinter der Bushaltestelle hervor. In unfreundlichem Ton und ohne Vorstellung seinerselbst verlangt er unsere Papiere. Sein Problem: lässig geöffnete Jacke, knitterndes Hemd und Sonnenbrille auf dem Kopf. Das wirkt alles wenig professionell und selbst für einen Dorfhalunken ziemlich bescheuert. Deswegen nimmt ihn auch keiner ernst. Er ruft Verstärkung mit seinem Handy. Hier stellt sich die Frage nach der Logik. Wo soll die bitte herkommen? Hier gibt es weit und breit nichts und niemanden! Von Bishkek würde ein Einsatzfahrzeug auch im Eiltempo zwei Stunden brauchen. Der arme Kerl wird ignoriert und muss unverrichteterdinge wieder abziehen. Wenn Korruption so billig daherkommt, dann wird das wohl nie was mit der ergaunerten Million. Beim nächsten Anlauf einfach mal Hemd bügeln und Jacke zu, dann wird das schon!

Irgendwann erwischen unsere Freunde ein Marschrutka. Alle sieben passen da nicht rein, wir trennen uns wieder. Wenig später sind auch wir dran. Und wiedermal ein Sprinter, aber der sieht recht neu aus. Und der hat sogar eine grüne CO2-Plakette an der Windschutzscheibe! Kleine Betrachtung von der Nähe: Frontschaden. Alles klar. Im Fahrzeug treffen wir ein deutschsprachiges Pärchen, das mit dem Mountainbike unterwegs ist. Eine Kombination aus Österreich und Deutschland. Ein deutsches Pärchen also. Ein wenig Smalltalk, bei der Ankunft in Karakol noch schnell etwas Hilfe beim Montieren der Räder von uns. Dann geht’s rein in die Stadt.

Karakol ist eine der Städte, in der die Zeit förmlich stehen geblieben ist. Alte, verfallene Sowjetbauten, das typische Grau-in-Grau des Ostblocks, bisweilen wie immer etwas depressiv anmutend, aber mit ganz eigenem Charme. Wir nehmen zuerst Kurs auf ein CBT-Office (das steht für Community Based Tourism), um uns über die Möglichkeiten vor Ort zu informieren. Der junge Herr kann alles auswenig und gibt uns ca. 240 Reisetipps in 90 Sekunden, wobei da aber die genauen Wegbeschreibungen schon inbegriffen sind. Material zum Mitnehmen gibt es nicht. Wie immer suchen wir zunächst eine Unterkunft und legen unser Schicksal einmal mehr in die Hände unseres Lonely Planets. Es versteht sich von selbst, dass wir wieder in einer Horde von Backpackern landen, abermals sind Romy, Eddy und „Deckel“ dabei. Zu den weiteren interessanten Bekanntschaften gehören Finnen, die mit dem Auto hergekommen sind, ein krasser radelnder Japaner im Armeezelt und eine Hand voll Deutsche, darunter Vertreter aus Dresden und Leipzig. Die Welt ist einfach ein Dorf!

Aber zurück zu unserer Unterkunft. Es ist ein altes, aber großes Haus, sehr gemütlich gelegen mit großem Grundstück. Der Besitzer und Vermieter ist Sergej, ein saucooler Mittsiebziger. Der erste Gang ins Gemäuer eröffnet einen unvergesslichen Anblick: man hat wahrhaftig das Gefühl, im Haus der Adams Family zu stehen! Betagte Möbel, düstere Atmosphäre, es riecht alt. Da ein verstimmtes Klavier aus der Steinzeit, dort die antike Kommode… dieses Haus hat unfassbaren Style! Wir schauen uns noch ein paar wenige Stunden in Karakol um, gehen lecker essen und in ein Internetcafe (pro Stunde 5 MB Traffic inklusive, selten so gelacht). Der Tag endet mit informativen und interessanten Gesprächen, einer warmen Dusche und ein bis drei gepflegten Bierchen.

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